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Ruine Rodenstein    »  Sagen   »  Dahl, Konrad



Sagen zum Burggeist auf Rodenstein und Schnellerts.


Im Jahre 1816 erschien das Buch "Der Burggeist auf Rodenstein, oder der Landgeist im Odenwalde. Eine alte Volkssage" von Konrad Dahl [DAH-1816]. Dahl beschreibt im ersten Abschnitt den damaligen Wissensstand über die Geschichte der Herren von Rodenstein sowie die bekannteste Sage zu dem Burggeist auf Rodenstein und Schnellerts. Das Buch enthält im zweiten Abschnitt einen großen Teil des Inhaltes der Reichenberger Protokolle aus dem 18. Jahrhundert, welche Dahl kommentiert wiedergibt. Im dritten Abschnitt beschreibt und kommentiert Dahl zahlreiche Veröffentlichungen, welche sich mit den Reichenberger Protokollen und der Sage über den wandernden Burggeist befassen.

Der nachfolgende Text ist eine vollständige Abschrift des Buches von Konrad Dahl. Hiermit soll dem Interessierten das nur noch in wenigen Exemplaren vorhandene Buch dauerhaft zugänglich gemacht werden. Das Buch hat eine Seitenlänge von 171 mm und eine Seitenbreite von 104 mm, ist zweiseitig bedruckt, enthält 44 Seiten Text sowie 12 Seiten Vorwort und lag dem Autor im Original vor. Die Rechtschreibung wurde aus dem Original übernommen. Die Fußnoten Dahls wurden als kursiver Text und beginnend mit den Zeichen "*)" in den fortlaufenden Text integriert.


Inhaltsverzeichnis:

- Vorwort:
 
 

- Erster Abschnitt:
 

- Zweiter Abschnitt:
 

- Dritter Abschnitt:

 

Titelblatt.
Rückseite des Titelblattes.
Vorbericht und Einleitung.

Lage von Rodenstein und Schnellerts.
Sage von Rodenstein und Schnellerts.

Amtliches Zeugenverhör und Relation über den Landgeist in der Grafschaft Erbach.

Verschiedene Meinungen und Urtheile über den wandernden Burggeist auf Schnellerts und Rodenstein.


Titelblatt.

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Der
Burggeist auf Rodenstein,
oder
der Landgeist im Odenwalde.

Eine alte Volkssage.

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Zieht - weh uns - ins ferne Blachfeld hinaus
Der nächtliche Landsturm der Geister,
Dann tönt schon die Klage in jedem Haus:
Fort, rettet die Habe, mit Raub und Braus
Wird hier der Kriegsknecht zum Meister.

Doch zieht er zurück in sein Felsenschloß,
Der Herr den wir zitternd nur nennen,
Dann tönt bald schwächer des Feindes Geschoß;
Es wendet der Krieger das schäumende Roß,
Die Lampe des Friedens mag brennen.

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Dahl, Konrad

Frankfurt am Main, in der Andreäischen Buchhandlung,

1816

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Rückseite des Titelblattes.

  Um die vierte Nachtwache kam Jesus, auf dem See hergehend, zu seinen Jüngern. Als ihn nun diese auf dem See daher gehen sahen, geriethen sie in Schrecken, sagten: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Jesus aber redete sie sogleich an: Habet Muth! Ich bin es, fürchtet euch nicht! - Mathäus 14. Kap. 25., 26. und 27. Vers.

Uebersetzung von van Eß.

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Vorbericht und Einleitung.

  Es ist in der That um den Glauben an Gespenster eine ganz besondere Sache. Bei Einigen ist er zu groß, bei Andern zu klein, oder gar nicht vorhanden. Es giebt Leute, die glauben alles, was ihnen von Gespenstern erzält wird, und andere halten alle solche Sagen für leere Träumereien oder für Betrug. Gewiß ist es, daß oft unter hundert, ja vielleicht tausend, Erscheinungen und Erzählungen von Gespenstern kaum eine die Feuerprobe aushält. Allein, - daß alle diese Sagen, besonders jene, welche durch ein hohes Alter und ihre Allgemeinheit sich eine Art von Authorität erworben haben, ins Fabelreich gehören sollen, wird wohl kein vernünftiger Mensch glauben, der vom Unglauben eben so weit als vom Aberglauben entfernt ist. Wir wissen ja, daß der Glaube an Geister so alt ist als die Welt. Bei allen Völkern, selbst auch den aufgeklärtesten, den Aegyptiern, Griechen, Römern, findet sich der Glaube und die Lehre an - und von Dämonen (guten und bösen Geistern), auf eine sehr ausgebreitete, systematisch geordnete Art. Von diesen Völkern gieng sie zu den Juden über, und von diesen zum Theil auch zu den Christen.

  Es ist hier keineswegs der Ort, mich über die Dämonenlehre weiter auszubreiten. Wem es frommt, selbige näher kennen zu lernen, der lese vorzüglich die schönen Werke: Creuzers Symbolick und Mythologie, 1812, besonders das erste Kapitel des dritten Buches; ferner Dämonolegie, in der theol. Zeitschrift von Batz etc. V. Band; besonders aber die ganz neue freie Darstellung der Theologie von Brenner, I. Band, 1815. Hier bemerke ich nur noch, daß mit der Dämonenlehre der Glaube und die Lehre von Gespenstern innigst verbunden sind. Solches erhellet schon aus diesem Glauben selbst. Gespenster sind, nach der Meinung des Volkes, unsichtbare, körperlose Geister, welche aber auch zuweilen körperliche Gestalt annehmen und sichtbar erscheinen, - wie die Dämonen. Es giebt ruhige, stille, gutmüthige Gespenster, die keinem Menschen etwas zu leid thun, - gleich den Dämonen; es giebt aber auch böse, schadenbringende Gespenster, Poltergeister aller Art, einzelne und ganze Heere von Geistern, - alles wie bei den Dämonen. Die Gespenster sind endlich auch der Erlösung (zum Theil) fähig, - eben wie die Dämonen der Alten.

  *) Bei den Römern hießen die stillen und friedlichen Geister lares; diejenige aber, welche Getös und Schrecken verursachten lar??? und lemures.

  Daß aber demohngeachtet auch bei den alten Völkern die Gespenster von den Dämonen, wenigstens dem Namen nach, unterschieden waren, und daß man erstere recht gut kannte - davon findet man mehrere Beispiele. Nur zwei davon will ich ausheben, eins nämlich aus der alten römischen Geschichte, und eins aus den Evangelien.

  Bekannt ist zwar die Geschichte des Gespenstes, welches dem Brutus (dem Mörder des Cäsars) erschienen ist, allein ich will sie doch, wie Plutarch sie erzählt, und mit dessen eigenen Worten hier beisetzen, weil selbst die Benennung Gespenst (Spectrum) darin vorkömmt. Sie lauten also: "M. Brutus Caesaris interfector, transportaturus ex Abido iu oppositam continentem exercitum, quiescebat nocte, ut assueverat in tabernaculo, in Somnis adhuc, ut de belli eventu sollicitus: Siquidem vir hic inter omnes Imperatores perhibetur minime somno iudulsisse, naturaque fuisse vigilantissimus. Is strepitum sentire ad foras imaginatus est. Intentis autem ad lucernae lumen jamemarcescentis oculos speciem vidit horribilem viri immani magnitudine diroque aspectu. Percussus primum, ubi nihiltentantem conspexit, neque vocem mittentem, tantum cubili suo tacitum assistentem rogavit, quisnam esset? Respondit ei Spectrum: Tuus, Brute, malus Genius: in Philippis me videbis. Tunc forti animo Brutus: Videbo, inquit. Mox genius ille ex oculis abiit. Postmodum cum in Philippis infestum exercitum contra Antonium et Caesarem haberet; prima acie victor oppositum sibi cornu profligavit, atque instans effusis castra Caesaris dirrupuit. Allera instante pugna idem se ei obtulit spectrum, neque est eum allocutum; verum intelligens Brutus fatum in periculum demisit se. Non cecidit tamen in proelio, sed pulsis suis refugit ad rupem quandam, admotoque pectori stricto gladio, simulque amico quodam, ut fama est, ictum adjuvante, exanimatus est." - Die Erzählung ist deutlich genug und bedarf keiner Erklärung.

  Das andere Beispiel liefert uns der Evangelist Mathäus, am 14. Kap. 26. und 27. Vers, so wie auch Markus am 6. Kap. 48. 49. und 50. Vers.

  Aus ersterem habe ich die angezeigte Stelle bereits auf der Rückseite des Titelblattes wörtlich angeführt.

  Alle, und die bewährtesten Schriftausleger, vorzüglich aber Calmet und Cornelius a Lapide, sagen, daß hier von einem Gespenste die Rede sey, wofür die Jünger Christum den Herrn bei der Dunkelheit der Nacht gehalten haben. Die Apostel und Jünger Jesu glaubten also an Gespenster, und Jesus - widerlegte ihnen diesen ihren Glauben auf seine Art, er bewies ihnen nur, daß er kein Gespenst, sondern ihr wirklicher Lehrer und Meister sey. Alle Furcht suchte er ihnen zu benehmen. "Ich bin es, fürchtet euch nicht!" sprach er; - aber ihren Glauben ließ er ihnen, da es ihm doch ein Leichtes gewesen wäre, eben bei dieser Gelegenheit ihnen den Irrwahn von Gespenstern zu benehmen, im Falle ihre Meinung ein solcher gewesen wäre.

  Die Gelegenheit, seinen Aposteln und Jüngern den etwaigen Irrglauben an Gespenster zu benehmen, ergab sich bei Jesus zu zweitenmale, wo derselbe bei verschlossenen Thüren auf einmal und unvermuthet mitten unter den versammelten Jüngern stand. "Überrascht und erschrocken" (so erzählt uns der Evangelist Lukas, am 24. Kap. 37. bis 43. Vers), "glaubten sie einen Geist zu sehen. Da sprach er zu ihnen: warum seyd ihr so erschrocken, und warum steigen solche Gedanken in euern Gemüthern auf? Sehet meine Hände und Füße! Ich bin es selbst; fühlt und betrachtet mich! Ein Geist hat ja nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich es habe. Bei diesen Worten zeigte er ihnen Händ und Füße. Da sie es aber vor Freude und Erstaunen noch nicht glauben konnten,

  *) Dieser Umstand zeigt es deutlich, daß die Jünger von der Eigenschaft eines Geistes oder Gespenstes ganz genau unterrichtet waren, und gerade das dachten, was man noch heut zu Tag davon denkt. Sie wußten nämlich wohl, daß ein Geist oder Gespenst die völlige Gestalt eines Menschen annehmen könne, ohne aber dadurch ein lebender Mensch zu werden. Sie glaubten also wohl, der sich ihnen zeigende Jesus sey seine wirkliche Gestalt, aber - daß er es selbst lebendig, mit Fleisch und Blut sey - das wollten sie nicht glauben, und sie glaubten es auch nicht eher, bis Jesus gegessen hatte; denn das thut, wie sie wohl wußten, kein Geist oder Gespenst.

  fragte er: Habt ihr hier etwas zu essen? da reichten sie ihm ein Stück von gebratenem Fische und etwas Honigwein. Er nahm es und aß es vor ihren Augen." Hierdurch hatte also Jesus zur Genüge bewiesen, daß er kein Geist sey, das heißt kein Geist im Verstande seiner Jünger, nämlich ein Gespenst. Hat er aber nicht, eben durch seine Aeusserungen, selbige im Glauben an die Gespenster gestärkt? - Allerdings: denn er sagte ihnen ja: "Ein Geist hat nicht Fleisch und Bein." Also giebt es doch Geister, und zwar in dem Verstand, wie sie die Jünger sich dachten, nämlich den Menschen erscheinende Geistergestalten, oder, mit anderen Worten, Gespenster (Spectra).

  Nun giebt es, besonders heut zu Tage, Leute, welche es dem Herrn Jesus gar sehr übel nehmen, daß er seine Jünger nicht besser belehret, und sie in ihrem dummen Aberglauben sogar noch bestärkt hat. Dies kommt aber daher, weil diese Leute alles besser verstehen (wollen), als Jesus selbst. Selbige würden, wie sie glauben, wenn sie an seiner Stelle gewesen wären, alles weit besser schöner, und leichter gemacht, und ihre Jünger zu Philosophen und Aufklärern, und nicht zu kopfhängenden, luftverderbenden Theologen und Predigern gebildet haben. Doch - sehr wunderbar - bei aller ihrer Gelehrtheit haben sie es noch nicht viel weiter gebracht, besonders in dem was ausser unseren Begriffen liegt, als zum Läugnen und Lächerlichmachen; mitunter wohl auch zum Schimpfen, wenns frommt. Dabei ist es nun auch bisher in Ansehung der Gespenster, besonders des Landgeistes im Odenwalde, geblieben. Niemand hat sich noch daran gewagt, die Sache an Ort und Stelle nach Zeit und Umständen, physisch und kritisch zu untersuchen. Selbst der Obrigkeit genügte es blos, Zeugen abzuhören, und Protokolle niederzuschreiben; und anderen war es genug, die ganze Sache und Sage als eine abgeschmackte Fabel, und diejenige, die nur im Geringsten daran glaubten, als Tollhäusler zu erklären. - Nichts, gar nichts ist aber damit bis diese Stunde noch ausgemacht worden. Auch ich will den Streit nicht entscheiden, aber - geprüft, untersucht und entschieden wünschte ich die Sache. Um einigen Stoff darzu zu liefern, und die Grundlinien wenigstens zu zeichnen, habe ich gegenwärtige Blätter niedergeschrieben. Möchten sie dazu dienen, recht bald ein richtiges und genügendes Resultat über jene alte Sage herbeizuführen!

G. den 20. März 1816
K. D.

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Der
Burggeist auf Rodenstein,
oder
der Landgeist im Odenwalde.

Eine alte Volkssage.

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Was brauset so schaurig vom Walde
Zur Mitternachtsstunde herab?
Was brauset durch Häuser und Bäume
In luftiger dunkler Gestalt?

Es ziehet mit Reuter und Rossen
Und rasselndem Kriegesgeräth,
Von einem der Schlösser zum andern
Der schreckliche Rodenstein aus!

Erster Abschnitt.

Lage und Sage von Rodenstein und Schnellerts.

Familie von Rodenstein.

  Die von Epheu und wilden Rosen umwachsene Mauern der verfallenen Burg Rodenstein findet man im Odenwalde, 6 Stunden von Darmstadt. Sie ruhen auf einer Anhöhe, an drei Seiten wieder von größeren Höhen umschlossen, den Rücken an eine dicke Waldwand anlehnend. So dämmern sie alten, schauerlichen Scheines, über einen neuen, ganz nahen Pächterhof weg, in das enge Thal hinab, wo der Eberbach sich schlängelt, und die Wohnungen des gleichbenannten Dörfchens arm und zerstreuet da liegen. Erst weiter fort dehnt sich die Aussicht etwas offener.

  Bekannt ist die Sage von dem wandernden Burggeiste auf Rodenstein, oder vom Landgeiste im Odenwalde. In älteren und auch in den neuesten Zeiten soll er, deutschen Krieg und Frieden verkündend, mit Roß und Wagen und Heer und Hunden, in luftigem Getröse und Jagen, seinen Hin- und Herzug gehalten haben, zwischen den Burgen Rodenstein und Schnellerts, welch letztere fast ganz vertrümmert ist.

  Ehe ich hiervon weiter rede, muß ich vorher etwas von der Rodensteinischen Familie erzählen.

  Wenn man den äusserst unverläßigen Humbracht, in seiner höchsten Zierde Deutschlands, zu Rathe zieht, so lebte schon im Jahr 1080 ein Heinrich von Rodenstein.

  Dieser ist aber um so weniger anzunehmen, da selbst der von ihm im Jahr 1314, als Kämmerer des weltlichen Gerichtes zu Mainz angeführte Domherr, Heinrich kein Rodensteiner, sondern ein Herr von Liebesberg (Lisberg) gewesen ist.

  *) v. Guden. C. d. T. II. p. 472. - Joann S. R. M. T. II. 379.

  Der erste Herr von Rodenstein, der mir in Urkunden vorgekommen, ist der Marschall von Rodenstein (Marscaleus de Rodinstein Miles:) welcher unter dieser Benennung, jedoch ohne Vornamen, in einer Urkunde des Landgrafen Heinrichs von Hessen, vom Jahr 1265, vorkömmt.

  *) Wenk, Heß. Gesch. Urk. B. II. 195.

  Ob er dieses oder eines andern Herrn Marschall gewesen - kann ich nicht entziffern. So viel scheint aber daraus zu erhellen, daß damals die Burg Rodenstein schon erbauet war. Seine Söhne waren vermuthlich Erkinger, Rudolf und jener Henrich von Rodenstein, welcher eine Agnes, Wernhers von Liebesberg Tochter, und Bechtolds Schwester, zur Gemahlin hatte, und zwischen 1346 und 48 in Urkunden vorkömmt. Mit dieser Agnes erzeugte Henrich zwei Söhne, einen Johann und einen Herrmann. Beide nennten sich Herrn von Rodenstein-Lisberg, jedoch Johann auch mehrmalen allein von Rodenstein. Da sie durch ihre Mutter einen Theil der Herrschaft Lisberg

  *) Selbige begreift dermalen das Amt Lisberg im Großherzogthume Hessen.

  erbten, so setzten sie diesen Namen ihrer Familienbenennung bei.

  *) Hans kömmt von 1392 - 1419 vor; Hermann lebte aber noch 1431; er war im Jahr 1411 Kurpfälzischer Burggraf zu Alzei.

  Was Humbracht davon fabelt, ist völlig ungegründet. Herrmanns von Rodenstein, des Landvogtes in der Wetterau, Söhne waren Engelhard Herrmann und Hans von Rodenstein. Man findet sie von 1451 bis 1452. Sie führten den Beinamen von Lisberg immer noch fort, ohnerachtet sie schon vieles von ihren Besitzungen in dieser Herrschaft verlohren hatten. Johannes oder Hans von Rodenstein nennt sich in einer Urkunde vom Jahr 1450 einen Freiherrn. Wenk hat daher ganz recht, wenn er sagt: "Zuweilen war das Ansehen dieser Familie (der Rodensteiner) so groß, daß sie sich an den höheren Adel anschloß." Herrmann war Burggraf zu Alzei, 1440, und Engelhard hatte Judith, eine Schenkin von Erbach zur Gemahlin, welche ihm 1456 zur Ehe versprochen wurde. Ein Sohn dieses Engelhards war Erkinger von Rodenstein, welcher im Jahr 1480 als Burggraf zu Alzei erscheint. Eine Schwester von ihm mit Namen Anna heurathete im Jahr 1471 Hansen von Rodenstein, aus einer andern Linie dieser Familie, von dem obgedachten ersten Erkinger, einem Sohne des Marschalls, gestiftet.

  Diese beiden Eheleute wurden die Stammeltern der nachfolgenden Herrn von Rodenstein, welche mit Georg Friedrich im Jahr 1671 in männlichen Gliedern ausgestorben sind. Aus dieser Familie stammte der Bischoff Philipp zu Worms, welcher 1604 gestorben ist.

  Was die Vererbung des Schlosses Rodenstein betrifft, so verpfändeten bereits die Brüder Henrich und Erkinger von Rodenstein im Jahr 1346 und 1347 die Hälfte dieses Schlosses, mit ihrem ganzen Recht und Eigenthum, an den Dörfern Neunkirchen, Lützelbach, Steinau, Brandau, und dem Zehenden zu Neutsch, an den Grafen Wilhelm II. von Katzenelnbogen. Außerdem besaßen sie auch noch die ehemals zum Fränkischen Ritterkanton Odenwald gehörige Herrschaft Fränkisch-Crumbach, mit den Dörfern: Fränkisch-Crumbach, Bierbach, Eberbach, Erlau, Güttersbach, Michelbach, die Laudenauer Freiheit, und das Schloß Rodenstein zur Hälfte, nebst dabei befindlichem Meyerhof. Auch Conrad Rauch von Erbach kaufte dem vorgedachten Heinrich von Rothenstein ein Achttheil an der Burg ab; verglich sich aber mit Graf Wilhelm von Katzenelnbogen dahin, daß er es von ihm zu Lehn nahm. Die obgedachte Pfandschaft ist nie wieder ausgelöst worden. (S. Wenks Hesch. Geschichte, I. Band.) Diesemnach blieb also den Rodensteinern nichts übrig als die vorgedachte Herrschaft Fränkisch-Crumbach, sammt einem Theil des Schlosses Rodenstein, und mehreren Katzenelnbogischen, Hessischen, und Erbachischen Lehen. In Bensheim, an der Bergstraße hatte bemerkte Familie Haus, Hof und Güter, welche nach ihrem Aussterben an die Familie von Ueberbruck gekommen sind, welche sich seit dieser Zeit Ueberbruck von Rodenstein nennt. Die Herrschaft Fränkisch-Crumbach kam ebenfalls duch weibliche Verwandt- und Erbschaft an die Freiherrlichen Familien von Gemmingen und Pretlach; wovon aber letztere wieder abgekommen sind. Die von Gemmingen haben daher solche nunmehr allein noch (unter Hessischer Hoheit) im Besitze.

  Die Burg Rodenstein ist seit dieser Zeit völlig in Verfall gekommen; nur wenige Mauern stehen noch, sammt einigen Gewölbern zum Aufenthalte des Burggeistes.

  *) Eine schöne Ansicht der Ruinen des Rodensteins findet man in dem Darmstädtischen Hofkalender von 1815.

  Was die Burg Schnellartts oder Schnellerts betrifft, woher jener unruhige Gast gewöhnlich seinen Zug nach Rodenstein nimmt, so liegt selbige zwischen den Gräflich-Erbachischen Dörfern Bellstein und Ober-Keinsbach, 7 Viertelstunde von Rodenstein. Nur wenige Ueberreste sieht man noch davon, doch erkennt man, wie der bekannte Alterthumsforscher, R. R. Knapp uns versichert, aus den noch stehenden Mauern den Burgzwinger. Von wem dieses Schlößchen erbauet, oder vormals bewohnt worden, ist völlig unbekannt; auch finde ich keine Familie, die sich von diesem Schlosse benennt hätte. Zu Bensheim und dasiger Gegend findet sich jedoch, aus Urkunden, eine alte edle Familie, die sich Schnelle (Snelle), mit - und ohne Beinamen von Schwanheim (bei Bensheim) benennte. Sie war in Bensheim und Schwanheim seßhaft, und stammte und nennte sich vielleicht von bemerktem Schlößchen. Was mich noch mehr in meiner Meinung bestärkt, ist dieses, daß die Stadt Bensheim ehemals die Hälfte von Nieder-Keinsbach (ohnweit Schnellerts) im Besitz hatte, wozu sie vielleicht durch Schenkung oder Kauf von den Edlen Schnellen oder von Schnellerts mögen gekommen seyn.

  Wenn Etymolige erlaubt ist, so könnte hier mit einiger Veränderung das Wort Schnellerd die Heimath der Schnellen bedeuten.

  Nachdem wir nun wissen, wo die beiden Geisterburgen liegen, und was es damit für eine geschichtliche Beschaffenheit hat; so rücken wir nun dem Berggeiste näher, um ihn, wo möglich, genauer kennen zu lernen.

  In den Fehdezeiten des Mittelalters lebte (so erzählt uns die Sage) auf der Burg Rodenstein ein Ritter, tapfer von Gemüth und schön von Gestalt, welcher, allen seinen Nachbarn fürchterlich, nur Jagd und Krieg liebte. Kein Weib konnte sein Herz gewinnen. Da sagte der Pfalzgraf ein Turnier gen Heidelberg an, und lud die Ritter vom Rhein, Neckar und Main zu männlichen Spielen ein. Auch Rodenstein erschien. Er saß auf muthigem Rosse, mit goldener Decke behängt; mit glänzendem Wappen und Helme mit Federn geschmückt; Zeichen des edlen Stammes, durch mehrere Ahnen erprobt. Im Turniere stach er alle Gegner vom Sattel, und aus den schönsten der Hände erhielt er den rühmlichen Preis.


Mit klopfendem Herzen im Busen,
Mit liebevollem Auge gab ihm
Das schüchterne Fräulein von Hochberg
Das kostbare Rittergeschmeid.

Kaum hatte Rodenstein sie erblickt, als sein Herz zum erstenmal sich von Liebe getroffen fühlte. Bei der Tafel schon erklärt er ihr seine Neigung, und sie, von der Schönheit und dem Muthe des Mannes geblendet, gab ihm ihre Hand und - ihr Herz.

  Glücklich lebten sie eine Zeitlang und vergnügt auf der kriegerischen Burg, und Rodenstein schien an Mariens Seite das wilde Spiel der Waffen und das mörderische der Jagd schon vergessen zu haben, als er mit seinen Nachbarn im Walde in eine Fehde verwickelt wurde. Vom Kampfe wollt´ ihn die Gattin, schon ehelich gesegnet, durch Liebe zurückhalten. Sie beschwor ihn zu bleiben bei der Liebe zum Kinde, das unter dem Herzen sie trug. Doch - nein! Rodenstein war schon der häuslichen Freuden, war schon der Gattin müde geworden. Er zog mit seinen Reisigen aus der Burg, ohne auf ihre Bitte, ihre Thränen zu achten; und da sie kniefällig ihm den Weg sperrte, stieß er sie unfreundlich zurück, und ließ sie einsam, trauernd und händeringend in der Brautkammer liegen. Bald hierauf kam sie mit einem todten Knäblein nieder, das ihr selbst den Tod brachte. Der Ritter lag indeß noch im Felde, harrend des Feindes in der Nähe von Schnellert bei Nacht. Da sah er vom Walde her ihm nähern sich eine bleiche Gespenstergestalt. Die Haare zu Berge ihm stehen, so wenig er auch sonst sich gefürchtet; mit Schrecken erblickt er die Gattin erblasset das Kind in dem Arme, jetzt vor sich.

  Mit dumpfer, doch vornehmlicher Stimme spricht sie zu ihm:


"Du hast deine Schwüre gebrochen,
"Du hast deine Ehe entweiht;
"Du hast deine Gattin gemordet,
"Du hast deinen Knaben gewürgt.

"Darum ziehe als schleuslicher Bote
"Des Krieges im Lande herum,
"Und künde dem ängstlichen Volke
"Die künft´gen Verwüstungen an!

  Sie sprachs und verschwand. Rodenstein fiel bald hernach in einem Gefechte. Halbtodt brachte man ihn nach Schnellerts zum Burgvogte, wo bald seine wilde Seele er aushauchte.


Und seit seinem blutigen Tode
Geht er als Gespenste umher,
Mit Reutern und Rossen umgeben,
Und schrecklich bei finsterer Nacht.

Und wenn in dem römischen Reiche
Sich fern eine Fehde entspinnt,
So ziehet er aus seinen Ruinen,
Verkündend den kommenden Krieg.

  So lehrt uns die Kunde der Vorzeit; so glaubte man, und glaubt es noch heute - freilich nicht allgemein, daß es keine so ganz leere Sage sey, um die Existenz jenes wilden Burggeistes.

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Zweiter Abschnitt.

Amtliches Zeugenverhör und Relation über den Landgeist in der Grafschaft Erbach.

  Indem es noch immer Leute giebt, welche an jener alten Sage zweifeln, so dient für diese als Glaubens-Recipe eine Schrift, welche den Titel hat: "Glaubwürdige Nachricht wegen eines in der Grafschaft Erbach sich befindenden Landgeistes." - Sie ist nicht gedruckt, und nur als Manuscript in meinen Händen. Nach einem vorläufigen Bericht über die Lage der beiden Schlösser Schnellarts und Rodenstein, wird Nachfolgendes als Amtsbericht, wörtlich angeführt: "Es ist die gemeine Rede unter denen hiesigen Amtes (Reichelsheim in der Grafschaft Erbach) - und der Orten sich befindenden Einwohnern, sonderlich aber in Ober-Keinsbach, nicht nur in denen alten und vorigen Zeiten schon gegangen, sondern auch noch bis dato wird erzählet, daß ein gewisser Geist auf dem ersteren Schloß, dem Schnellerts, zwar seinen Aufenthalt habe, doch aber sich niemalen merken lasse, ausser wann Kriegszeiten, große Heereszüge und andere ausserordentliche wichtige Dinge vorkommen wollten. Insbesondere aber bei vorseyenden Kriegstroublen zöge dieser Geist oder vielmehr Geister von dem Schnellerts ab - und nach dem gegenüber gelegenen alten Rodenstein; gleichsam als ob er flüchten und das Seinige in Sicherheit bringen wolle; wie es dann nicht anders zu hören wäre, als wenn vieles Fuhrwerk, Pferde und anderes Vieh vorbeizögen; wobei man aber noch nicht vernommen, daß jemand von diesem Geisterheer ehemalen das geringste zu sehen bekommen,

  *) Weiter unten eine Ausnahme hievon.

  sondern alles bestünde in blosen hören. Wann nun dieser unsichtbare Abzug nach dem Rodenstein geschehen, und dieser Geisterzug in kurzem (welches sonsten eine gute Bedeutung seyn solle) nicht wieder zurück nach dem Schnellerts geschiehet, so wird es für eine Kontinuation des Kriegs und dessen Unruhen gehalten. Gleichwie nun dieses von allen so überhaupt erzählet wird, und indessen ein gewisser Bauer, dessen Güter um und unter dem Schnellertsberg gelegen, zu Ober-Keinsbach wohnhaft, durch welches Hofraide das ermeldte Geisterheer seinen jedesmaligen Ab- und Rückzug nehmen solle.

  *) Gedachter Hof ist meines Wissens der zweite im Dorfe Ober-Keinsbach, wenn man von Nieder-Keinsbach und Stierbach herkömmt. - Siehe desfalls die große Haasische Situationskarte, Blatt Reichelsheim.

  Als ist zu mehrerer der Sache Gewißheit gedachter Bauer, namentlich Simon Daum, seines Alters 5 bis 46 Jahr, vor dem allhiesigen Amt (Reichelsheim) über diese Geisterhistorie dato befraget, und seine Relation, wie hier folget zu Papier gebracht worden. Dieser sagt nun aus:

  "Sein Vater seel. welcher Jeremias Daum geheißen, seye des Orts Schultheiß gewesen, und ein alter Mann geworden, habe diesen Geisterzug gar vielmalen gehöret, und es hernachmalen wieder erzählet; Deponent könne auch auf sein gut Gewissen sagen, daß er dieses Wesen gar vielmal vom Schnellerts auf- und abziehen hören, aber noch niemals nichts gesehen; es bestünde allzeit in einem großen Getös und Geräusch, gleich vielem Fuhrwerk, Pferden und dergleichen. Es komme gemeiniglich eine Stunde nach eingetrettener Nacht, oder eine Stunde vor Tag, gerade durch Deponentens Hof, und zwar zu der Zeit, wann Krieg und Völkermärsche sich ereignen wollten. Wie dann Sager es zu damalen als der König von Preussen vor 2 Jahren (1740) den Krieg in Schlesien angefangen, gar eigentlich gehöret, daß es vom Schnellerts ab- und nach dem Rodenstein gezogen. Es seye zu der Zeit ein halbes Jahr aussen geblieben, und hernach wieder zurückgezogen. Und wie der jetzige Kaiser Karl VII. zu Anfang dieses Jahrs in Frankfurt gekrönt worden,

  *) Den 12. Febr. 1742.

  seye es wieder abgezogen, aber gleich und schon nach 2 Tagen wieder zurückgekommen. Wie der letztere Krieg am Rhein gewesen,

  *) Krieg des Kaisers und des Reichs gegen Frankreich, 1734.

  habe es ein halb Jahr zuvor sich schon hören lassen, und wie dieser Krieg sich geendiget,

  *) Wiener Friedensschluß 1738.

  seye es auch wieder zurückgezogen. Wann es sonst abziehe, und gleich wieder zurückkomme, hätte es nichts zu bedeuten; allein, wenn es lange aussenbliebe, so wäre es gar nicht gut, und mithin Krieg zu besorgen; wie er solches auch von vorgedacht seinem Vater seel. oft und vielmal gehöret habe."

  Gedachtes Protokoll wurde im folgenden Jahre, auf abermalige Anzeige des Simon Daum, fortgesetzt, und lautet, wie folgt:

  "Actum Reichelsheim, den 20. Sept. 1743 zeigte Simon Daum an, er habe von dem Geisterheere gehöret, und zwar so seye es anfänglich, und als die Franzosen in so großer Anzahl über den Rhein gegangen, ab- doch aber nach Verlauf einiger Zeit wieder zurückgezogen. Kurz vor der bekannten Schlacht bei Oettingen

  *) Den 27. Juni 1743.

  seye Abends in der Dämmerung ein blasender, jedoch, wie allezeit, unsichtbarer, Postillon den Schnellertsberg hinaufmarschiret, da es denn den anderen Morgen bei anbrechendem Tag sich hören lassen, als ob eine Menge Reuter den Berg herabkämen, und weiter fortgeritten wären. Nach der Oettinger Aktion seye es gleich wieder zurückgekommen, und habe bis dato sich nicht wieder hören lassen."

  "Actum den 13. Jul. 1748 zeigt Simon Daum wieder an, als das letzte Volk bei ihnen gelegen, und in Brabant marschiret, seye dieses Geisterheer denselbigen Morgen mit Reuten und Fahren durch seinen Hof gezogen; vier Wochen nach Martini im vorigen Jahre aber auf gleiche Art wieder zurück und durch seinen Hof gekommen. Den 4ten hujus seye es des Abends abermals aus dem Schnellerts durch seinen Hof mit einem Getös von Pferden und Kutschen gezogen, und habe mit Peitschen, jedoch dunkel, geklappert, als wenn man dergleichen von weitem höre."

  "Actum den 11. Nov. 1748 meldet der Simon Daum, daß das Geisterheer in verwichener Woche an einem Morgen bei hellem Tage sich merken lassen, wobei es aber nicht viel gemacht, und seye seinem Bedüncken nach wiederum in den Schnellert gezogen."

  *) Den 18. Oktober 1748 erfolgte der Friede zu Aachen, und im Anfange des Novembers hatte Rodenstein schon die Nachricht hiervon.

  "Actum den 24. Dezember 1756 zeigt Elisabetha, weyl. Simon Daumen zu Ober-Keimsbach hinterlassene Wittib an, daß schon am vergangenen Dienstag vor 14 Tagen der Landgeist aus dem Schnellerts bei ihrem Haus wiederum vorbei passiret, und habe es sich also zugetragen: Als sie Abends ausser ihrem Haus herumgegangen, seye ihr vorgekommen, als ob ein Mensch sie stark anhauche; indem sie nun in die Höhe gesehen, habe sie wahrgenommen, daß sie unter dem Hals eines Pferdes stehe, auf dem ein Reuter gesessen. Aus Angst habe sie keines von beiden betrachtet, sondern seye zurück in die Stube gelaufen, in welcher ihr die anwesenden Leute gesagt, daß es dreimal an einen Posten geschlagen, daß die Fenster gezittert, welches der Geist immer zu thun pflege, wann es durch ihren Hof passire.

  *) Der siebenjährige deutsche Krieg nahm damals seinen Anfang.

  Sie habe nun weiter nichts gehöret; ihres Nachbars, des Johann Georg Trautmanns Weibsleute hätten aber erzählet, daß es den Mittwoch darauf wieder zurückpassiret seye, und sich an ihrem, des Trautmanns Haus, gemeldet habe."

  "Den 16. Dezember 1758 zeiget Johann Peter Daum (ein Sohn des Simon Daum) von Ober-Keinsbach an: Der Landgeist sey in der Nacht vom 6. auf den 7. dieses von Rodenstein aus wieder in den Schnellert gezogen. Wann und wie er aus dem Schnellert nach Rodenstein gegangen, solches hätten seine Leute nicht wahrgenommen;

  *) Vermuthlich hatten die Weibsleute (in der vorigen Relation) nicht recht gehöret, und Rodenstein war erst 1758 wieder zurückgezogen, nämlich nach der Schlacht von Hochkirchen, die dem Könige von Preußen so warm gemacht hatte.

  aber in der angezeigten Nacht, habe seine Mutter gehört, daß der Landgeist reutend die Hecken heruntergekommen,

  *) Linker Hand von der Keinsbach.

  und an seinem Hause habe er am Fensterpfosten dreimal geklopft, so er und alle seine Leute gehört, und darauf seye er gegen den Schnellert zugeritten."

  "Den 20. Dezember 1758 wurde in Erfahrung gebracht, daß sich der bekannte Landgeist jederzeit, und auch in der letzten Anzeige gemeldeten Nacht zu Brensbach in Joh. Leonhard Hübners Haus gemeldet. Dieser Hübner und sein Nachbar besitzen ein Echterisches Haus

  *) Die alte und berühmte Familie der Echter von Mespelbronn hatte sehr viele Güter und Höfe, besonders aber zu Brensbach, als Erbachische Lehen, im Besitze. Warum aber der Geist einen so großen Umweg machte (Brensbach liegt eine ganze Stunde von Schnellerts und ganz ausser dem Wege nach Rothenstein)? Vielleicht geschah es der Verwandtschaft halber, denn Anna Katharina von Rodenstein heurathete 1622 Karl Rudolfen Echter von Mespelbronn.

  welches noch mit alten Mauern umgeben ist. Er erzählet: Ehe dieser Krieg angegangen, und ehe man noch daran gedacht, seye der Geist in der Nacht in seinen Hof gefahren gekommen; in seiner Küche hätten sie (die Geister) ordentlich gekocht, den Kroppen übers Feuer gehänget und an den Tellern und Schüsseln geklappert; endlich aber alles hinter die Thür und zusammengeworfen, und darauf fortgefahren. Es geschehe dieses jederzeit, wann ein Krieg angehe, und wann alles unter einander geschmissen werde, so gehe es unglücklich; dahingegen er einen glücklichen Ausgang habe, wann das Geschirr in der Küche ordentlich aufgehoben werde. Es laute aber nur immer so, und verlege niemal etwas. Er habe es vor diesem Kriege in Brensbach gesagt, daß solcher kommen werde, man habe ihn aber damit nur ausgelachet. Der Geist habe sich vor ohngefähr 6 oder 7 Wochen, da er aus dem Schnellert gezogen, in seinem Haus auch gemeldet, welches der Ober-Keinsbacher nicht wahrgenommen."

  "Vorzeiten solle sich dieser Geist auch in Crumbach

  *) Das Dorf Fränkisch-Krumbach in der Herrschaft, eine Stunde von Schnellert, ist hier gemeint. Jenes Haus gehörte vermuthlich ebenfalls den Herrn von Rodenstein.

  vor einem Haus, worin ehedessen ein Schmidt gewohnet, und welches jetzt von einem Zimmermanne besessen wird, und dem Pretlackischen Hause

  *) Die Herrn von Pretlack hatten, wie schon gesagt worden, einen Theil von Fränkisch-Crumbach von den Herrn von Rodenstein ererbt.

  gerade übersteht, gemeldet haben, und gemeiniglich alida die Pferde beschlagen lasse.

  *) Vielleicht wohnte auch ehemals der herrschaftliche Schmidt in diesem Hause. Daß das bemeldte Pferdbeschlagen Täuschung war, versteht sich von selbst.

  Der Weg desselben gehet also von dem Schnellerts durch die sogenannte Haal in Ober-Keinsbach nach Brensbach, und von da nach Crumbach, und so weiter nach Rodenstein."

  *) Man suche diesen Weg auf den Haasischen Karten. Er beträgt ohngefähr 2¾ Stunde.

  "Den 26. April 1759 zeiget Elisabetha Daumin zu Ober-Keinsbach an: Am letztvergangenen Palmsonntag, den 8. dieses, da es ohngefähr eine Stunde Nacht gewesen, habe sie gehöret daß es an dem Schnellartsberg sehr gekrachet, als wenn man Aeste von den Bäumen abhaue; endlich habe es ihr gedünket, daß eine mit Pferden bespannte Kutsche den Berg herunter sehr langsam gefahren komme; sobald aber solche auf der Ebene gewesen, sey es in der durch den Bach gehende Straße, und nicht durch ihren Hof, ungemein schnell fortgefahren, und habe gerasselt, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sehr hurtig über die Steine fahre, und sey noch nicht wieder zurückgekommen. Weil es nun nicht durch ihren Hof gefahren, und auch nicht angeklopfet, so habe es in hiesigen Gegenden noch keine Noth, weil es aber noch nicht zurückgekommen, so sey es bei den Völkern am Mayn auch noch nicht ruhig."

  *) Der Feldzug wurde gerade damals wieder eröffnet.

  "Den 27. April 1759 zeiget Johann Leonhard Hübners zu Brensbach Ehefrau ebenfalls an, daß sie vor noch nicht gar 3 Wochen, Nachts um 12 Uhr einen starken Tumult in ihrer Küche wahrgenommen, und deutlich gehöret, als wenn man in aller Eil Häfen, Schüssel und Brunnenzuber in einander stelle, oder in der Geschwindigkeit und eilfertig zusammen packe. Weiteres aber habe sie nichts gehört."

  "Den 12. April 1760 zeigte Georg Trautmann von Ober-Keinsbach an: Drei Tage zuvor, ehe die Reiter vom K. Franz. Regiment Toustain zu Ober-Keinbach eingerückt, habe man Abends in seines und seines Nachbars Peter Daumen Hof, ein Getümmel, Gezisch und Reiten gehört, als wenn einige Reiter einrückten, und drei Tage zuvor, ehe sothane Reiter wieder ausgerückt, sey in der Nacht in Peter Daumen Stall ein großer Lermen entstanden, als wenn man an den Pferden arbeitete, und darauf hätten die Reuter auch plötzlich abmarschiren müssen.

  Am Mittwoch vor dem grünen Donnerstage im vorigen Jahre sey es auch gegen den Schnellarts durch seinen Hof geritten, und den Freitag darauf die Schlacht bei Bergen vorgegangen."

  *) Den 13. April 1759.

  "Den 19. Januar 1763 zeigt Johann Hartmann von Ober-Keinsbach an, daß der Landgeist in den Schnellarts sich verschiedenemal seit den Christfeiertagen wieder hören lassen, und zwar am letztverflossenen zweiten Christfeiertag und den dritten gegen Tag, und also kurz vorher ehe die K. K. Truppen durch die hiesige Gegend passiret, sey an dem sogenannten Schnellarts ein großer Lermen entstanden, welcher sich nach und nach seinen Gütern genähert, jedoch habe er auf der Erde nichts wahrnehmen können, sondern nur in der Luft ein Bellen vieler jungen Hunde gehöret, welche von Jemand gleichsam gehetzet worden."

  "Gestern Abends sey sein Knecht vom Hof herein in die Stube gekommen, welchem seine, Deponentens, Weibsleute voller Aengsten nachgefolget, und hätten gesagt, daß in der Gegend des Schnellarts ein großer Lermen sey, und ihn sodurch veranlasset, hinauszugehen, um zu sehn, ob dem also sey? Als er nun vor die Thür hinaus in den Hof gekommen, habe er ein erstaunliches Getös und Geräusch in der Luft gehöret, welches die quer über seine Güter vorbei, und gegen des Conrad Rauschen Haus sich gewendet, und habe es Deponenten diesesmal nicht anders gedünket, als wenn viele große Hunde zusammen bellten, und eine Stimme, welche immer gerufen, Hou! Hou! dieselbe aufhetze. Und sey dieses dermalen besonders, daß das Geisterheer nicht seinen ordinären Weg durch des Simon Daumen Hof und weiters gegen Abend genommen, sondern diesesmal jederzeit vor seinen Gütern vorbei, und gegen Mittag sich gewendet.

  *) Der Zug gieng also diesmal nicht nach Rodenstein, sondern tiefer nach der Grafschaft Erbach zu.

  Er glaubte daher, daß es noch nicht ruhig sey, und noch viele fremde Völker in die hiesige Gegend kommen würden."

  *) Hier hatte Deponent unrichtig kalkulirt, denn schon am 15. Febr. wurde der Friede zu Hubertsburg geschlossen, und das war auch die Ursache, daß der Geist diesmal nicht nach Rodenstein zog.

  "Den 3. Febr. 1763 zeigt Johannes Weber von Ober Keinsbach an: Den 20. letztverflossenen Monats Januarii, nach ohngefähr 8 oder 9 Uhr, habe er, Deponent, da er eben in seine Scheuer gehen wollte, ein starkes Getös wahrgenommen, als wenn einige Chaisen den Berg hinauf gegen das Schnellerts Schloß führen. Er habe zwar nichts gesehen, aber doch die Pferde gar deutlich trappen und die Räder knarren, und da sie den Berg stark hinauf gefahren, immer ho, ho! rufen hören. Weil der Geist auf diese Art einzuziehen pflege, wenn es ruhig werde, so werde insgemein nunmehro dafür gehalten, daß jetzo alles still und ruhig bleiben werde."

  *) Besser als der vorige hatte es dieser getroffen.

  "Den 25. März 1764 zeigt Peter Daum von Ober-Keinsbach an, der Schnellarts Geist habe sich in der vergangenen Nacht wiederum gemeldet. Es sey ohngefähr 2 Stunden Nacht gewesen, da er und seine Leute etwas oben den Hof herein, wo der Weg vom Schnellarts Schloß hergehe, kommen hören, und da sie eben im Begriff gewesen, das Fenster aufzumachen, habe es dreimal hart an dasselbe geschlagen, und darauf habe es seinen Weg die Straße fort, gegen Nieder-Keinsbach zu, genommen. Weil bei denen letzten Kaiserkrönungen von ihm und seinen Leuten die nämliche Merkmale des Schnellarts-Geistes wahrgenommen worden, so vermuthe er, daß dessen dermaliger Auszug die bevorstehende römische Königs-Wahl und Krönung bedeute. Sobald diese geschehen, werde er, wie sonsten auch wieder zurückkommen."

  *) Joseph II. wurde wirklich am 27. März zum römischen Könige gewählt.

  "Den 25. Jun. 1764. Alldieweilen Joh. Peter Daum von Ober-Keinsbach bei seiner letzten Anzeige von dem Auszug des Schnellarts-Geistes vermuthet, daß solcher nach vollendeter Krönung Ihro römisch königlichen Majestät wieder zurückkommen werde, davon aber noch keine eigentliche Nachricht ertheilet, als wurde derselbe mit seinem Nachbar Johann Georg Trautmann vorbeschieden, und darüber befraget, welche dann einmüthig versichern, daß sie von des Geistes Zurückkunft nicht das Mindeste gehöret, sonsten sie es sogleich würden angezeigt haben."

  "Den 30. Juni 1764 zeigt Georg Trautmann wiederum an: Es habe zwar weder er, noch sein Nachbar, den Einzug des Schnellerts-Geistes gehört; nachdem sie aber nach ihrer Heimkunft ihre Weibsleute darüber befraget, so hätten diese versichert, daß ermeldter Geist selbigen Abend, als der Daum von dem Auszuge desselben bei dem dahiesigen Amte die Anzeige gethan, ehe er wieder nach Haus gekommen, und da es kaum Nacht gewesen, auf die nämliche Art, wie er ausgezogen, wieder in das Schnellerts-Schloß zurückgegangen."

  *) Joseph II. wurde schon am 3. April 1764 zum Kaiser gekrönt. Entweder hat also der Geist diese Krönung zu Frankfurt nicht abgewartet, oder es ist sein Rückzug erst am 25. Jun. erfolgt, wo Peter Daum vor das Amt gefordert wurde.

  So weit erstrecken sich die Worte des wohlverehrlichen Amts-Protokolles von Reichelsheim in meiner Abschrift; es soll selbiges bis 1766 noch fortgesetzt worden seyn, wovon mir aber nichts bekannt worden ist. Ich komme nun an die nähere Untersuchung, nicht zwar dieser Thatsachen selbst, sondern vielmehr über die Ursache oder Beschaffenheit dieser seltsamen Erscheinungen.


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Dritter Abschnitt.

Verschiedene Meinungen und Urtheile über den wandernden Burggeist auf Schnellerts und Rodenstein.

  Bereits im Jahr 1781 hat man über die abermaligen Erscheinungen des Burggeistes im Odenwalde eine so betitelte Nachricht verbreitet, worin man die Ursache derselben in einer Erderschütterung, unterirrdischen Höle, oder elektrischen Materie suchen zu müssen glaubte. Dagegen erhob im Jahre 1783 der nun verewigte, gelehrte, Regierungsrath Neuhof zu Homburg seine Stimme. Seine Gedanken von einem Landgeiste, der sich in der Grafschaft Erbach befinden solle, wurden gedruckt, und dem Hanauischen Magazine, im 20sten Stücke des Jahrganges 1784 eingerückt. Ein kurzer Auszug davon, wird uns Neuhofs Meinung klärlich zu Tage fördern.

  Zuerst sagt er, daß er die gerichtlich abgehaltenen Zeugenverhöre von den Jahren 1742, 43, 56, 58, 59, 60, 63 und 1766 davon in Händen gehabt und gelesen. Aus dem kurzen Inhalt, welchen er davon angiebt, ist ersichtlich, daß es die nämlichen gewesen, die auch ich gegenwärtig, in alter Abschrift in Händen habe. Die Jahre 1748 und 1764 sind zwar von ihm nicht benennt, dagegen aber ist das Jahr 1766 zugesetzt. Entweder ging also seine Abschrift etwas weiter als die meinige, oder er erinnerte sich in der Folge der Jahrgänge nicht so genau mehr. Nachdem derselbe wie gesagt, eine kurze Uebersicht dessen, was die Protokolle enthalten, geliefert hat; sagt er, daß er in dieselbe gar keinen Zweifel setze, aber behaupte, daß alle diese Begebenheiten sich durch vernünftige Gründe erklären ließen, und daß folglich die Bedeutungen, die man daraus schließen wolle, von schlechtem Werthe seyen. Dann fährt er fort: Es komme hier alles darauf an, daß man bei dergleichen Erscheinungen auf alle mögliche Umstände, die dabei vorwalteten, und möglich seyn konnten, ein scharfes Augenmerk richte; indem aus den Erzählungen des mit Vorurtheilen schon eingenommenen gemeinen Volkes man niemals eine Sache nach allen wahren Umständen erfahre. Es ist - sagt er weiter - eine ausgemachte Sache, daß das meiste Aufsehen, das dergleichen ausserordentliche Begebenheiten hervorbringen, hauptsächlich in der Stärke der Einbildung seinen Grund habe, wozu der Pöbel, wegen seiner Unwissenheit, vorzüglich das Seinige beiträgt.

  "Unwissenheit und Einfalt ist also der Grund der Leichtgläubigkeit, indem man sich durch die Sinne gar gröblich betrügen läßt."

  Von dieser Einleitung geht er unmittelbar zur Ursache über, und glaubt jenen Geisterlerm in den verschiedenen Wiederschällen der Stimmen von Menschen und Thieren, und den mancherlei Wirkungen des Echos zu finden, ohnerachtet ihm, wie er selbst eingesteht, die bemeldete Gegend gar nicht bekannt und ihm also unbewußt ist, ob sie solcher mannichfaltigen Echo und Wiederschälle fähig, und ob solche auch wirklich dort zu finden seyen? Nach dem er diese seine Meinung durch Beispiele erläutert hat, setzt er noch hinzu, daß auch ein verscheuchtes Rudel von Wildpret ein solches Getöse verursachen könne. Auch davon führt er seine eigne Erfahrungen als Beispiele an. Dem Sturmwinde wird ebenfalls eine Mitwirkung zugeschrieben; und endlich soll auch die eigene Lage der Bergschlösser selbst, wie etwa in den Bergen Gojamä in Afrika, des bemeldeten Getöse besondere Ursache seyn.

  So glaubt nun Herr Neuhof durch diese kurze Erklärung auf einmal die ganze Geschichte mit dem wilden Heere ab- und zur Ruhe verwiesen zu haben, und zwar besser, als die obgedachte Nachricht vom Jahre 1781. - Doch, - Audiatur et altera Pars!

  In dem 45. und 46. Stücke des Hanauischen Magazins, vom Jahr 1784, findet sich ein Aufsatz, unter dem Titel: Noch einige Gedanken über den in der Grafschaft Erbach seyn sollenden Landgeist. Der Herr Verfasser hat sich nicht genennt, sondern nur die Buchstaben R - th für seinen Namen, und R...dt für sein Wohnort angegeben. Die Gedanken dieses Herrn gehen dahin, die früheren Gedanken des Herrn R. R. Neuhof mit einer zwar sehr bescheidenen, aber gründlichen, Art auf die Kapelle zu legen, um zu probiren: ob sie standhalten oder im Rausche verfliegen? Die Methode, welche sich Herr R - th dabei bedienet, ist ohngefähr folgende: Zuerst fragt er den Herrn Neuhof: Wie er denn wissen könne, daß die bemeldten Erscheinungen verschiedenen Lokalverhältnissen und Wirkungen zugeschrieben seyen, da er doch, seinem eigenen Geständnisse zu Folge, die Gegenden von Schnellerts und Rodenstein gar nicht kenne? Auch habe noch kein Naturkundiger dasiger Gegend ihm seine desfalls gemachten Bemerkungen mitgetheilt. Seine Erklärungen seyen also blose Muthmaßungen, die eben so wenig etwas erklären oder bezweifeln könnten, als die bereits im Jahr 1781 erschienenen Nachrichten und Erklärungen.

  Was das Echo betrifft, welches Neuhof als allenfallsige Ursache angiebt; so wird dagegen Folgendes angeführt: Nach der Erzählung des Protokolls soll diese Geistergeschichte eine sehr alte Erscheinung seyn, die sich aus dem grauen Alterthum bis auf unsere Zeiten durch neuere Erscheinungen bestättiget hat. Ist dieses, so müßte auch das Echo undenklich alt, ja es müßte so alt als die Berggegend selbst, oder in späteren Zeiten durch eine gewaltsame Revolution in der Natur entstanden seyn. In beiden Fällen müßte dieses seltsame Echo schon früh bekannt, und von den Bewohnern der Gegend auch vor Erbauung, oder wenigstens vor der Zerstörung der beiden Geisterschlösser, öfters gehört worden seyn. Entweder hielt man also selbiges, wenn es früher bekannt war, für eine ganz gemeine, nicht mehr auffallende, Sache, die des Aufschreibens nicht werth sey, oder es entstand die Sage erst nach Zerstörung der Schlösser, und dann wäre es freilich, bei der damaligen Rohheit und Unwissenheit der Volkes, möglich gewesen, die neue Naturerscheinung für eine Geistergeschichte zu halten, und so könnte sich diese Erzählung auf Kindeskinder und unsere Zeiten fortgepflanzt und erhalten haben. Allein - da eine solche neue Naturerscheinung nicht ohne gewaltsame Revolution selbst entstanden seyn könnte, so müßte doch wenigstens von dieser irgend etwas bekannt worden seyn. Aber nichts von allem dem. Es ist also, wie Hr. R. weiter sagt, noch lange nicht erwiesen, daß diese Geschichte bloßer Aberglaube, oder die natürliche Wirkung eines Echos oder Widerschalles sey. Dem Herrn Neuhof giebt er übrigens vollkommen recht, daß man bei dergleichen Erscheinungen auf alle nur mögliche Umstände genau acht zu geben habe, "denn (fuhr er fort) die bloße Erzählung des mit Vorurtheilen eingenommenen gemeinen Pöbels ist selten getreu. - Zusätze, Vergrößerungen, wie bei Gellerts Mißgeburt, hat man mehrentheils zu erwarten. Veris addere falsa gaudet, et e minimo sua per mendacia crescit. - Ovid. Allein - da bei dieser Geschichte ein gerichtliches Zeugenverhör vorhanden, welches nicht nur ein- sondern zu verschiedenenmalen widerholt worden ist, welches Herr Neuhof selbst gelesen, und davon die Urschrift in der Registratur zu Erbach befindlich seyn soll, so sind diese abgehandelte Zeugenverhöre so alt noch nicht, denn in den bemeldten Jahren dachte man, so wie an andern Orten, also auch im Erbachischen, helle genug, eine solche, und dazu noch mit vielen Eiden

  *) Dies scheint etwas übertrieben zu seyn.

  bestättigte Erscheinung, genauer zu prüfen; und - daß man auf die Entdeckung von der Ursache dieser Geschichte aufmerksam und bedacht gewesen seyn muß, dieses erhellet schon aus dem allerersten Zeugenverhör

  *) S. den 2ten §.

  und es bestärkt sich durch die mehrmalige Wiederholung desselben.

  *) Noch mehr aber, daß man die Leute desfalls sogar vor Amt citirte.

  Es ist also auch ganz wahrscheinlich zu vermuthen, daß man wenigstens zur Befriedigung der erregten Neugierde, mehr als einen Versuch hierüber angestellt haben wird, um hinter die Wahrheit zu kommen, welches aber nicht scheint erfolgt zu seyn, weil man nachher wieder verschiedenemal die Zeugen, die es gehöret, vernommen hat. Hätte man etwas von einem Echo oder sonstigen Wiederhall, das doch leicht zu entdecken gewesen wäre, gefunden, so würde man weiter keine Zeugenverhöre vorgenommen haben, denn wozu wären sie nun noch nöthig gewesen? - Vermuthlich giebt es doch auch Naturforscher in dasiger Gegend, und da diese der Lage kundig sind, so wäre es ihnen sehr leicht, eine solche natürliche Sache, wie das Echo oder Widerhall ist, auszuspüren. Hat man nun diese Geschichte so auffallend gefunden, und sie für wichtig genug gehalten, daß man die Zeugenverhöre eidlich bestättigen lassen, - so müßte der Richter, so wie alle Naturforscher daselbst, sehr wenig aufmersam - ja wohl gar leicht - und abergläubisch gewesen seyn, wenn sie in einer solchen langen Reihe von Jahren nicht vielvältige Untersuchungen hatten unternehmen wollen, um den wahren Grund der Geschichte zu finden, das doch wohl nicht zu vermuthen sey."

  *) Allerdings sollte man es vermuthen, denn es ist unbegreiflich, daß man diese Sache von Seiten der Naturforscher bis jetzt so nachläßig behandelt, und sie weder mit Grund zu widerlegen, noch mit Ernst zu behaupten gesucht hat.

  Ferner entgegnet Herr R. der Meinung des Herrn N., daß all das gehört seyn wollende Geräusch, als bellendende Hunde, Fuhrwerk, Rufen, Blasen etc. von einem Echo oder Wiederschalle herkäme, auf folgende Art: "In jenem Falle müßte das alles nichts so seltnes seyn, denn die Landstraßen und andere Wege werden ja immer befahren. Die rauschenden Wasser und das Klappern von Mühlen ist was Beständiges; der Lärm und das Bellen der Hunde in den nahen Dörfern geben einen beständigen Laut von sich; es müßte also diese Geschichte sehr oft vorkommen, so daß die Bewohner der Gegend, dieser als einer ganz bekannten Sache schon längst gewohnt seyn müßten. Weil sich aber diese Erscheinung selten, und nur zu gewissen Zeiten begiebt, so glaubt Herr N. daß ein verscheuchtes Rudel von Wildpret ein solches Getöse verursachen könnte, und führt deshalb Beispiele an; allein - all dieser angegebene Lärmen (entgegnet Hr. R.) läßt sich doch mit keinem Blasen, Rufen, fahren und Hundebellen verglichen - wollte man aber auch das Schreyen des Wildes oder das Bellen und Geheul der Füchse für ein Bellen der Hunde verhören, so müßte aber auch dieses nichts seltenes seyn, denn die jungen und starken Hirsche lassen sich zur Brunstzeit oft - die hungrigen Füchse aber in der Kälte noch öfter hören; ich will auch das Schreien der Eulen für ein Blasen annehmen; so ist doch dieses alles gar nichts seltenes; aber - völlig unwahrscheinlich ist es, daß alle diese Wirkungen zu gleicher Zeit und auf einmal, und dies mehrmalen, zusammen gehört worden seyn sollten, nämlich das Echo, das Rudel von Wildpret, das Schreien der Hirsche, das Heulen der Füchse, das Blasen der Eulen u. s. w., welches doch in der That seyn müßte, wenn man die Aussage der Zeugen auf solche Art erklären wollte. Völlig unerklärbar bleibt aber die Sache, besonders als Echo oder Wiederschall betrachtet, wenn man annimmt, was die Zeugen aussagen, daß der Zug oder der Lärmen nach einiger Zeit von der nämlichen Richtung aus wieder zurückkomme, wohin er sich vorher gewendet hat. Das Echo müßte also nach einiger manchesmal langer Zeit selbst wieder zurückkommen.

  *) Von einem wandernden Echo habe ich auch nichts vernommen.

  Jetzt kömmt Hr. R. auf die Jagden, welche, wie leicht zu denken, öfters in dieser Waldgegend gehalten werden. Da selbige öfters mit großem Getöse, Bellen der Hunde, Schießen, Blasen u. dergl. vergesellschaftet sind, so müßte sich bei dieser Gelegenheit, wie Hr. R. meint, das Echo am allerersten und leichtesten entdeckt, und auf solche Art auch der wahre Grund des Geisterlärms sich gefunden haben. Allein - auch davon ist nichts bekannt. Ueber das wüthende Heer oder den wilden Jäger

  *) Es ist dieses von unserm wilden Heere im Odenwalde wohl zu unterscheiden.

  sagt Hr. R. daß es noch eben so unerwiesen, was dieses eigentlich sey; denn die Geschichte davon werde überall in allen Gegenden gehört. "Ich selbst (setzt er hinzu) habe sie zweimal, einmal am hellen Mittag, und das zweitemal gegen Mittag sehr nahe gehöret, ohne daß ich etwas von den bellenden Hunden, welche ich bei und neben mir zu seyn glaubte, hätte sehen können." - Der Schluß geht nun endlich dahin: "Da uns noch überhaupt Erscheinungen in der Natur vorkommen, davon wir die Ursachen entweder gar nicht, oder nur muthmaßlich angeben und erklären können, so könnte also diese Geschichte als ein besonderes Phänomen dahin gehören." Uebernatürlich sie zu erklären, findet zwar keinen Beruf, doch hält er dies eben so möglich, als die Existenz der Gespenster überhaupt. "Man habe sich zwar, sagt er, schon viele Mühe gegeben, den Teufel mit allen seinen Einwirkungen von der Erde zu verbannen; aber - es habe doch bis jetzt noch nicht recht glücken wollen." Er beruft sich mit unter auf die Bibel, und fügt zuletzt den Wunsch bei, daß den Naturforschern dasiger Gegend endlich gefällig seyn möchte, den wahren Grund dieser Geschichte mit Fleiß zu untersuchen, und das Publikum hiervon recht bald in Kenntniß zu setzen. Welchen Wunsch auch ich von ganzem Herzen, und noch dazu recht inständig bittend, unterschreibe.

  Es stand zwar kürzlich in einem Frankfurter Tagesblatt die Nachricht: "Es habe Herr Professor Böckmann zu Karlsruhe von seinem Hofe den Auftrag erhalten, den Geisterlärm im Odenwalde zu untersuchen." Das Publikum freuete sich schon desfalls über die Maasen, und hoffte, durch die Mühe und Kenntnisse eines so verdienstvollen Gelehrten etwas Gründliches zu erfahren. Allein - diese Hoffnungen sind schnell wieder zu Wasser geworden, indem Herr Böckmann bald darauf in der allgemeinen Zeitung jene obgedachte Nachricht für falsch erklärte.

  Dagegen hat Herr Doktor B. in Göttingen einen Aufsatz unter dem Titel: Sagen der Vorzeit über das sogenannte wüthende Heer, in das Unterhaltungsblatt für alle Stände (No. 17, vom 8. Febr. 1816), einrücken lassen, worin er hauptsächlich das Historische jener Sage auseinander zu setzen sucht. Dabei vermischt er aber das wüthende Heer, welches besonders in Thüringens Wäldern schon seit mehr als 1400 Jahren sein Lager aufgeschlagen hat, mit dem Landgeiste im Odenwalde, welcher bei weitem nicht so alt, und auch wegen seinem regelmäßigen Zuge, von einer Burg zur anderen, von dem wüthenden Heere ganz verschieden ist.

  Uebrigens hat Hr. Doktor B. ganz recht, wenn er sagt: "Es ist allerdings um das Glauben eine eigene Sache, und billiger Weise kann einem, der gerade nicht alles glaubt, was man ihm als wahr angiebt, sein Unglauben nicht übel aufgenommen werden; denn wie oft glaubt man nicht an das, was ein anderer als bestimmt entweder schon als Geschehenes, oder nothwendig erfolgen müssendes - uns vorsagt, wovon aber der Erfolg gerade das Gegentheil zeigt? Wer wird auch hierüber noch Zweifel haben, da in den so mannichfaltigen Verhältnissen des bürgerlichen - mit einem Worte, alles menschlichen Lebens, um das Glauben es etwas so ganz anderes ist, als um das Meinen und noch mehr als das Halten, oder Wahrmachen und Wahrwerden dessen was geglaubt worden ist!" - Bis hieher bin ich mit dem Herrn Doktor recht wohl einverstanden. In Betreff seiner übrigen Behauptungen hätte ich jedoch noch manches zu erinnern; es kömmt aber solches zum Theil schon mit dem überein, was Hr. R. dem Hrn. N. erwiedert hat. Nur dieses muß ich hier ohnmaßgeblich bemerken; daß die Ableitung des wüthenden Heeres von Odin keineswegs richtig und der Sache angemessen zu seyn scheint. Von Odins göttlichem Namen wird zwar der Name Odin - Odun - oder Odenwald richtig abgeleitet; allein - den Namen eines wüthenden Geisterzuges, der allgemeinen Schrecken verbreitet, und keine sanfte wohlthätige Bestimmung anzeigt, von der alles belebenden und wohlthätig regierenden Gottheit Odin unserer deutschen Vorfahren ableiten wollen - dies hieße letzteren, meines Erachtens, wenig Ehre erzeigen. Auch wird, wie ich schon gesagt habe, unser Geisterzug meistens nur der Landgeist, oder der Rodenstein, niemals aber das wüthende Heer genennt.

  Wenn Herr Doktor B. von seiner Sage bemerket: "Ein mehr als tausendjähriges Alter schien allerdings den blinden Glauben zu heiligen;" so scheint es mir, daß er selbst vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen habe. Ich begreife nicht, daß man gerade in einer solchen Sage, welche eine Gespenstergeschichte betrifft, und die schon durch ihr hohes Alter ehrwürdig seyn muß, den Glauben daran einen blinden Glauben nennen mag; da man doch in allen übrigen, durch ein hohes Alter gleichsam geheiligten, Sagen ein ganz anderes Urtheil fällt, und behauptet, man dürfe solchen alten Volkssagen gerade um deswillen allen Glauben nicht versagen, weil solche sich durch so viele Jahrhunderte hindurch erhalten haben. Warum soll nun jetzt der Glaube an Gespenster oder Geisterzüge, wovon die Sage bei allen Religionen und Völkern, wie Hr. Doktor B. selbst eingesteht, sich schon tausend und mehrere Jahre hindurch fortgeerbt hat - ein blinder Glaube seyn? Wenn das Motto, welches Hr. B. seiner Abhandlung fortgesetzt hat, richtig ist, woran gar nicht zu zweifeln:

  "In das Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist!"

  Wer will alsdann behaupten: In der Natur gäbe es keine Gespenster. Alle desfallsige Sagen seyen eitel Träumereyen, Spinnstubenmährchen, Ausflüsse erhitzter Phantasie, Gauckelspiele etc.? - Ja freilich gab es zu allen Zeiten in der größten Tageshitze welche, die über Frost klagten; mitten in der Sönne umnebelt und am hellen Tage blind waren, wie Hr. Doktor wohl bemerkt; allein - unter diese Art Kranke gehören nicht allein ungelehrte, gemeine, dumme - sondern gar oft auch ganz erschrecklichgelehrte und überstudirte Leute, wie solches aus mancherlei Beispielen klärlich könnte dargethan werden; und es ist daher bei weitem noch nichts damit ausgerichtet, andern Leuten blos zuzurufen: Ihr seyd blind! Da sie doch ihre eigene Erfahrung eines anderen und besseren belehrt.

  Uebrigens sey es fern von mir, daß ich jener Geistergeschichte im Odenwalde das Wort sprechen wolle. Ich habe nur die desfallsige Sage und alle dahin gehörigen und mir bekannten Sachen um deswillen dem Publikum in dieser Abhandlung vorgelegt, um solches zu überzeugen, daß es allerdings nöthig seyn dürfte, endlich ein mal mit Ernst durch geschickte und unpatheiische, vom Aberglauben eben so weit als vom Unglauben entfernte, Sachverständige und Naturforscher untersuchen zu lassen; dies wäre allerdings schöner und nützlicher, als solche alte Sagen ins Lächerliche oder in die Reihe der Mährchen zu versetzen.

  Zum Schlusse muß ich noch eines Irrthumes Erwähnung thun, dessen sich, der bekannte und beliebte pfälzische Topograph, Goswin Widder schuldig gemacht hat, da er im ersten Theile seiner geographischen Beschreibung der Pfalz, S. 333, unter die Walddistrikte der Weinheimer Gemarkung (an der Bergstraße) auch den sogenannten Rothenstein zählt, "woselbst - wie er hinzusetzt - der gemeinen Erzählung nach vor Zeiten ein Raubschloß gestanden habe, und von einem sicheren Lindenschmidt, der wegen seines abentheuerlichen Auszugs in Kriegszeiten unter dem gemeinen Volke in dieser Gegend noch vieles Aufsehen machet, bewohnt gewesen seyn soll." Sicher hat ihn der Name Rothenstein verführt, die Odenwäldische Geschichte hieher zuziehen, und sie noch obendrein mit einer ganz andern vom Lindenschmidt zu verwechseln.


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